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Rachel Seidu
Love is the work
10. September – 25. Oktober 2026

Eröffnung am Freitag, 11. September 2026, 18–22 Uhr

Rachel Seidu: Love is the work
Künstler:innengespräch mit Rachel Seidu, Matthew Blaise Nwozaku, und Wolfgang Tillmans
Freitag, 11. September 2026, 17 Uhr

Between Bridges
Adalbertstraße 43
10179 Berlin

Donnerstag bis Sonntag, 13–18 Uhr
Montag–Mittwoch nach Vereinbarung
Erweiterte Öffnungszeiten während der Berlin Art Week (10. – 13. September): 11–19 Uhr

Between Bridges freut sich, Love is the work, eine Einzelausstellung der in Lagos lebenden Künstlerin Rachel Seidu, zu präsentieren. Die Ausstellung markiert die erste umfassende Einzelausstellung der Künstlerin in Deutschland und eröffnet im Rahmen des Featured-Programms der Berlin Art Week.


Ausstellungsnarrativ
von Adebayo Quadry-Adekanbi

Nigeria ist einer der queersten Orte, denen man begegnen kann. Queersein ist hier etwas, das man tut, nicht etwas, das man ist. Es kann also auch in Räumen existieren, die man normalerweise für inkompatibel oder unverträglich mit Queerness halten würde. Rachel Seidus Fotografien finden genau in diesem Spannungsfeld aus Distinktion und Widerspruch statt – und sie weigern sich, es aufzulösen.

Zu den physischen Räumen in Nigeria, in denen diese Dynamik existiert, zählen die Face-Me-I-Face-You-Wohnkomplexe, in denen Seidu nach eigenen Angaben aufgewachsen ist. In dieser für Nigeria typischen Wohnform wohnen die Mieter:innen an einem gemeinsamen Flur in Zimmern, deren Eingangstüren einander gegenüberliegen. Küche, Badezimmer und Toiletten werden geteilt. Es wohnen dort hauptsächlich Menschen aus der Arbeiterschicht, mit geringem Einkommen. Wohnformen dieser Art lehnen individualisierte Privatsphäre zugunsten kollektiver Zugehörigkeit ab. Sie gehen auf ein vorkoloniales Gemeinschaftsleben zurück, das sich nicht nach westlichen Vorstellungen von privatem oder individuellem Raum organisiert. Die enge Nachbarschaft erzeugt eine bestimmte Art von offenem Geheimnis: Die Menschen spüren die Queerness von anderen, ohne jemals ihre explizite Bestätigung einfordern zu müssen, weshalb diese Queerness fühlbar und unlesbar zugleich ist. Man sieht das bei den Teenagern: Sie müssen sich einen Wohnblock mit zu wenigen Badezimmern teilen, dadurch werden die Gruppenduschen zu einem codierten, auch abstreitbaren Raum für homoerotische Berührungen, mit einer routinemäßigen Nacktheit, die die körperliche Entblößung schon an sich normalisiert. Das schafft Raum für eine alternative Intimität, für eine Verwandtschaft, die nicht benannt oder kategorisiert werden muss. Queerness funktioniert dabei letztlich als gelebte, materielle Praxis, die durch Raum und Klasse geprägt ist, und nicht als Identität, die beansprucht oder erklärt werden muss.

Das erzählt sehr viel über die Lage in Nigeria allgemein. Die Bevölkerung wächst dramatisch, insbesondere in Lagos – einer Stadt, die, gemessen an ihrer Fläche, zu den kleinsten des Landes zählt. Wenn der physische Raum derart schnell schrumpft, wird Privatsphäre zu einem Luxus, den sich nur wenige leisten können; deshalb erfolgt das Sich-Verstecken in Nigeria zunehmend durch soziales Abstreiten und durch Ambiguität statt durch ein tatsächlich physisches Verstecken. Seidus Fotografien veranschaulichen die Folgen dieses Mangels an Räumen. Wenn uns keine physischen Rückzugsorte mehr bleiben, werden wir zu Menschen, die sich im öffentlichen Raum aufhalten, ohne ein konkretes Ziel zu verfolgen – wir werden zu „Herumlungernden“. In diesem Sinn „lungern“ queere Menschen also herum, ob es den Nigerianer:innen gefällt oder nicht. Seidu zeigt queere Menschen, die am Fluss herumlungern, auf Brücken oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Und während wir dort lungern – im Guten wie im Schlechten, offen oder versteckt, und unabhängig davon, ob wir uns von innen nach außen oder von außen nach innen definieren –, nutzen wir Symbole, um unser Territorium und unseren Raum zu markieren.

Das ist die Logik hinter Seidus Beharren darauf, dass Identität kein Vokabular braucht, um real zu sein. Durch die queeren Nigerianer:innen, die sie fotografiert, besteht sie darauf, dass es bereits ausreicht, auf einem Marktplatz zu stehen, seinen Liebhaber zu umarmen, in der Privatsphäre des Hauses zu existieren oder auf einer Party zu tanzen, um queer zu sein. Queerness liegt im Tun … im Tun des täglichen Lebens und Liebens.

Im Gegensatz dazu steht der andere Teil ihrer Arbeiten, in dem Queerness im wahrsten Sinne des Wortes als Flagge hochgehalten, also nicht nur angedeutet wird. Eine Regenbogenflagge, die an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit eine Geschichte hatte, bevor sie in Nigeria ankam. Sie ist bereits voller Bedeutung, die nie für diesen Kontext geschaffen wurde, und kämpft darum, ihren Platz zu finden. Sie hier zu hissen, wo es gefährlich sein kann, erhebt eine ganz eigene Art von Anspruch auf Sichtbarkeit, Ablehnung und Existenz, unverkennbar für die Öffentlichkeit. Ob dieser Anspruch auf ein geborgtes Symbol angewiesen ist oder ob der Griff danach subtilere und lokale Arten des Queerseins verdeckt, das ist eine berechtigte Frage. Die Bilder beantworten diese Frage nicht und sollten das auch nicht müssen.

Westliche Formen des Sprechens über Queerness neigen dazu, etwas erst dann für real zu halten, wenn es einen Namen hat. Es braucht eineIdentität, die laut ausgesprochen und korrekt eingeordnet wird. Es ist, als reiche es nicht aus, einfach man selbst zu sein – man muss zudem benennen können, wie dieses Selbst heißt, auf eine Weise, die für Außenstehende lesbar und kategorisierbar ist. Seidus Protagonist:innen widersetzen sich dieser Erwartung, ohne ihre Sogwirkung zu leugnen. Zwei Männer in traditioneller Frauenkleidung bei einem Fotoshooting vor einem typischen Face-Me-I-Face-You-Wohnblock; queere Menschen gleichen Geschlechts, die in traditioneller Tracht ihre Verbundenheit ausdrücken; wir sehen queere Zärtlichkeit und Berührungen auf einer Party, auf der moderne und traditionelle Mode verschmelzen. Bild für Bild ist es der Körper, der die Identität zum Ausdruck bringt.

Was im Westen „Drag“ genannt wird, vermittelt dieselbe Botschaft auf andere Weise. Hier geschieht das ständig, in Maskenspielen, Performances sowie zahlreichen kulturellen, traditionellen und spirituellen Praktiken, ganz offensichtlich auch in unserer Unterhaltungsindustrie und Content-Creator-Ökonomie. Ständig tragen wir „Drag“. Wir nennen es nur nicht so – und müssen das auch nicht.

Was Seidus Werk wirklich zeigt – und wofür es Raum lässt –, ist eine Gemeinschaft, die zwischen zwei Dingen steht, die gleichermaßen wahr sind. Queerness in Nigeria hat nie darauf gewartet, dass ihr durch Einträge in westliche Lexika Legitimität verliehen wird. Sie verfügt über ihre eigenen Räume und Partys, über ihre eigene Grammatik. Sie ist tief verwurzelt in jenen kulturellen, sozialen und geografischen Praktiken, die durch den Kolonialismus lange verdeckt waren. Und gerade für Menschen, die innerhalb gewaltvoller Machtstrukturen über lange Zeit hinweg unsichtbar geblieben sind, kann es sich – selbst mit etwas so Schlichtem wie einer Flagge in der Hand – anfühlen, als würde man sich zum ersten Mal direkt ansehen lassen. Seidu verlangt nicht, dass man sich für eine dieser Wahrheiten entscheidet. Sie lädt dazu ein, sich in den Widerspruch hineinzuversetzen, in dem ihre Protagonist:innen bereits leben – weil sie es müssen.

Adebayo Quadry-Adekanbi ist Autor und Redakteur. Seine Beiträge zu Kunst, Politik und Kultur erscheinen im shado Mag. Er hat in einer Dissertation zu urbanem Raum, Archivpraxis und queerer Politik in Nigeria promoviert.


Rachel Seidu ist eine Künstlerin, die sich in ihren filmischen und fotografischen Arbeiten mit queeren Identitäten in Nigeria und ihren vielfältigen Formen von Intimität auseinandersetzt. Sie verbindet konzeptuelle und dokumentarische Ansätze miteinander und schafft damit poetische und zugleich politisch aufgeladene Bilder, die Gemeinschaft, Verletzlichkeit und Resilienz in den Mittelpunkt stellen. Ihre Arbeit versteht sich als Beitrag zu einem visuellen Archiv queerer Existenz in Nigeria und setzt sich zugleich mit struktureller Ausgrenzung und gesellschaftlicher Gewalt auseinander, wie beispielsweise mit Konversionstherapien oder der Rolle religiöser Institutionen bei der Aufrechterhaltung einer Kultur der Intoleranz. Anhand persönlicher Erzählungen reflektiert Seidu über universelle Fragen von Zugehörigkeit, Selbstbestimmung und der Freiheit, ein autonomes Leben zu führen.

Rachel Seidu (*1997 in Lagos, Nigeria) lebt und arbeitet in Lagos. Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt, unter anderem Photo Elysée (2025, Lausanne, Schweiz), Institut pour la photographie (2025, Lille, Frankreich), Festival Planches Contact (2024, Deauville, Frankreich), Freedom Multitudes (2024, Houston, USA), YSL Rive Droite (2023, Paris/Los Angeles), A Wa Nibi (2023, Lagos/Hamburg), Foto Wien (2022, Wien, Österreich) sowie auf der 4. Biennale für Fotografie (2022, Guayaquil, Ecuador). 2023 arbeitete sie mit Yves Saint Laurent an einer Ausstellung und einem Fanzine zusammen. Sie ist Mitglied von Black Women Photographers und der African Photojournalism Database.